Laurentius RAINER

Über das mannigfache Potential des Gesangs

 
Musik und im Speziellen das Singen hat, immer bekannter werdender Weise, eine erstaunlich stark energetisch harmonisierende Wirkung und stimuliert regelrecht Glückshormon-Cocktails bereits bei alleine singenden Personen, was als gesundheitsfördernd und lebensverlängernd einzustufen ist, sowie Stress und Angst mindert. In der Gruppe singend verstärkt sich diese Wirkung und zusätzlich werden Bindungs- und Zuneigungshormone ausgeschüttet.
Der Klang dient über die Sprache hinaus als subtiler Transmitter für die seelische Befindlichkeit und die Spiegelneuronen arbeiten auf Hochtouren, wodurch gemeinsames Singen ein beglückend wohlwollendes einander Wahrnehmen und friedliches Miteinander fördert.
Kein Wunder also, dass sich gleich nach Alkohol und noch vor Natur-Incentiv, Klang (leider bislang vermehrt nur mit Trommeln) zu den erfolgreichsten Teamentwicklung-Tools reiht und Singende Spitäler, Musiktherapie, Singgruppen, sowie Mantren-Singen und Mitsingkonzerte so florieren.

Die vergangenen 25 Jahre haben mich und meine Stimme durch die unterschiedlichsten musikalischen Genre geführt (Klassik, Pop, Rock, Metal, Jazz, Blues, Soul) und mich schließlich folgende, noch wenig populäre aber umso kostbarere Perlen finden lassen:

Gesangsimprovisation – die Kompositionskunst des Augenblicks,
Obertongesang – die verborgenen Klangwelten jedes einzelnen Tones und
Jodeln – meiner (unserer) Ahnen erdig-luftiger Ausdruck des Moments „Ich bin & Wir sind“

Neben dem spezifischen Potential, dieser drei Gesangsstile, auf die ich gleich tiefer eingehen möchte, weisen alle drei den Vorteil auf, sich eher weniger über Noten zu erschließen. Dafür fordern sie uns mitunter darin, unser Hören, Artikulieren und Partizipieren, sprich einige unserer Handlungsmuster, neu zu organisieren.
Neues Potential spielerisch kennenzulernen und zu fördern, sowie das lebenslange Vergnügen am eigenen Scheitern, erhält und fördert die Beweglichkeit, das Lernvermögen und die Jugendlichkeit.
Somit bietet sich die Möglichkeit die im Berufsalltag sehr gefragte Skills analog zu lernen, welche stark zu Persönlichkeitsfestigung, gestärktem Auftreten und bewusster Selbstdarstellung beitragen.

Das gemeinsame Musizieren grundsätzlich, lehrt die Paradoxien Demut & Verantwortung, Spannung & Loslassen und die Einsicht gleichzeitig verschwindend unwichtig und doch der zentralste Schöpfer der eigenen Welt zu sein. So können sich Individuen für ein harmonisches Miteinander stärken, trotz großer Individualität, Emanzipierung oder Autarkie.

 

Über das durchwegs alltagsnützliche Potential meiner 3 Lieblingsgesangsstile

Die Gesangsimprovisation stärkt vor allem den Mut zur spontanen Expression. Im Spannungsfeld von Individualität und Anpassungsfähigkeit nährt sie die Kreativität, schult auf vielen Ebenen spielerisch Kommunikationskompetenzen, Ausdrucksfähigkeit sowie Wirkungsbewusstsein und trainiert Präsenz für den gegenwärtigen Moment, die Achtsamkeit und Wachsamkeit vieler Sinne.
Musikalische Qualifikationen, wie Tongedächtnis, intuitives Verständnis für Melodik, Harmonik und Rhythmik sind neben der wachsenden Freiheit innerhalb gegebener Rahmenstrukturen (welche analog dazu im Alltag ihre Farblosigkeit und Enge verlieren) ein auf der Hand liegender Gewinn.

Das Jodeln ist für mich nicht einfach nur „Jodeln“, sondern befreit und belebt ebenfalls den ungehemmten Ausdruck authentischer Gefühle durch das Wegfallen jeglicher inhaltlicher Vorgaben, der sonst im Gesang fast immer vorhandenen Texte. Was auch immer man jetzt gerade zum Ausdruck bringen will oder loswerden muss, tritt gejodelt auf reizvoll harmonische Weise zutage und fördert damit die Versöhnung mit dem eigenen Empfinden in seiner Ambivalenz, sowie die liebevolle Selbstwahrnehmung und -annahme.
Zudem fordert es – fantastisch gendergerecht – sich in den jeweils weniger gewohnten Stimmbereich einzufühlen. Rein musikalisch wiederum, erweitert dies das Spielfeld des nutzbaren Stimmumfangs und schult den gekonnten Registerwechsel, die Mischstimme und geschmackvolles Nuancieren zwischen „Schrei-“ und „Wohlgesang“, sowie die exakte Intonation großer, gebundener Tonsprünge.
Jodeln ist im Grunde ein leistungsferner, verbindender Kreisgesang auf Augenhöhe, der trotz starker Agogik (= dynamische Tempogestaltung) ohne Dirigent, unmittelbar durch die achtsame Demokratie der Kommunikation von Angesicht zu Angesicht, gleichermaßen von allen aktiv singenden Personen gestaltet wird.

Der Obertongesang ermöglicht die fundamentale Entdeckung, dass ein einzelner Ton nicht mehr länger nur ein einzelner Ton alleine ist. Tatsächlich bringen wir beim Sprechen und Singen ganze Akkorde von Teiltönen zum Klingen, was sich meist nur unserer Wahrnehmung entzieht. Diese Reise in die Tiefen der eigenen Stimme und durch die gewöhnlichen Vokale hindurch, lässt ein riesiges „Planetensystem“ an Teiltönen in jedem einzelnen gesungenen Ton entdecken, das lang verborgen plötzlich aus dem persönlichen Klangkosmos hervor glitzert. Diese spür- und hörbare Erfahrung am eigenen Leib, bietet einen interdisziplinären Diskurs durch die Wissenschaft, Philosophie und Kunst, der den Blick auf die Welt um Lichtjahre zu erweitern vermag. So wird man vielleicht bald in Schulbüchern lesen können, dass wohl nichts genau so ist, wie man es die längste Zeit „für wahr nahm“ und dass die trefflichste Beschreibung der Erde weder ein flacher noch runder Festkörper ist, sondern Klang. (Vgl. diverse Forschungen seit dem 15. Jh., die Joachim Ernst Berendt in: „Die Welt ist Klang“ zusammenfasst.)
In Kontemplation, die im Alltag ohne „Aufhänger“ und Rahmen oft schwer zu pflegen ist, vollzieht sich zudem die Entdeckung, der meist recht unbewussten Fähigkeiten, der Zunge als Teil eines faszinierenden und lebenszentralen Multifunktionsventils – der Kehle, die mit einzelnen Frequenzen ebenso spielen kann, wie die Hand mit einem Smartphone. Dadurch wachsen Artikulations- und Resonanzfähigkeit, sowie stimmliche, wie personelle Präsenz. Durch die erhöhte Aufmerksamkeit auf den spürbaren Anteil des Stimmklangs im gesamten Körper, verbessern sich Selbstwahrnehmung, Körperbewusstsein und die unzähligen, damit einhergehenden Fähigkeiten. Als krönende Besonderheit fällt darunter das Multitasking von Wahrnehmung, Betreuung und kontrollierter Gestaltung zweier gezielter und variabler Töne zugleich.